Obwohl wir mit der Email-Bestätigung eine sehr gute Wegbeschreibung erhalten hatten, war das TRB nicht einfach zu finden. Nachdem uns der Taxifahrer an der Hauptstrasse abgesetzt hatte, spazierten wir durch eine kleine, typisch chinesische Quartierstrasse mit lauter kleinen Restaurants. Ganz am Ende der Strasse war dann das TRB – ein in ein modernes Restaurant umgebauter ehemaliger 400 Jahre alter Tempel! Der Eingang führt über einen kleinen Hof, wo links und rechts lauter moderne Kunstwerke ausgestellt sind. Das Interieur istsehr modern, eher kühl, aber mit einer wunderbaren Atmosphäre.
Die Zeitschrift Time Out Beijing nominierte das Tempel Restaurant Beijing nicht nur zum Besten Internationalen Essen und zur Besten Weinkarte, sondern auch zum Restaurant des Jahres – und dies nicht zu unrecht. Der Eigentümer muss unglaublichen Wert auf Details legen. Alle Angestellten trugen die gleiche Uniform, die Männer Anzüge, die Damen petrol-grüne Kleider und – was ich sehr ausgefallen und gelungen finde – dazu alle die gleichen Perlohrringe und Perlenkette. Auf diese Idee muss man erst Mal kommen!
Noch nirgends habe ich so aufmerksames Personal erlebt – und dass in China! Wir wurden von einem Kellner zum Tisch geführt, jedem von uns wurde der Stuhl zurückgeschoben, bevor ich mich setzen konnte, hatte man bereits ein kleines Beistelltischchen für meine Handtasche neben mich gestellt und die Serviette wurde auf den Schoss gelegt. Musste man zur Toilette, wurde einem der Weg bis zur Toilette gezeigt, kam man zurück, war die Serviette wieder schön gefaltet auf dem Tisch und ein Angestellter wartete bereits, um den Stuhl zurecht zu schieben. Ich war schon in Restaurants gewesen, wo es mich nervös gemacht hatte, wenn ich ständig einen Kellner um mich herum hatte. Doch hier geschah alles in einer sehr unaufdringlichen, überhaupt nicht störenden Art. Brauchte man einen Kellner, war er sofort zu Stelle, aber ansonsten konnte man in Ruhe essen.
Die Menükarte liefert alles, was das Herz begehrt, vorwiegend französische Spezialitäten, alles im oberen Preissegment. Doch bevor das Essen kam, wurden wir mit leckerem Brot und einem Amuse Bouche (Hummer-Mousse) verwöhnt. Als Vorspeise wählte ich einen Garden Mix und Red Snapper als Hauptmahlzeit. Was ist ein „Garden Mix“? Ich erwartete eine Schüssel bunt gemischten Salat. Weit gefehlt! Der Koch muss ein Künstler sein: Ich erhielt ein rundes Stück Blätterteig, bestrichen mit einer Schicht Mascarpone und darauf verteilt Salat und Gemüse. Es sah aus wie ein eigener Mini-Kräutergarten, wunderschön hergerichtet. 
Der Red Snapper war für zwei Personen. Der Kellner bereitete ihn frisch aus dem Ofen direkt am Tisch zu. Erst wurden die Salzkruste, die Haut und die Gräten entfernt, dann nachgewürzt. Ich bin kein grosser Fisch-Fan, aber dieser Red Snapper war ein Gedicht, er zerging regelrecht auf der Zunge.
Die Weinkarte ist ein dickes Buch, ein Abend reicht wahrscheinlich nicht, wenn man das alles durchlesen möchte. Von bezahlbarem Wein ab RMB 200 bis zum Luxusgetränk für RMB 12‘500 war alles vorhanden. Wir wählten einen eher günstigen australischen Weisswein. Er war perfekt temperiert und schmeckte vorzüglich.
Zum Verdauen gab es ein Wassermelonensorbet, bevor es mit dem Dessert weiterging. Höhepunkt kam allerdings nach dem Dessert, als der Kellner mit einem Wagen voll Pralinen vorfuhr und uns eine Auswahl davon auf den Tisch stellte. Kann man noch mehr verwöhnt werden? Man kann! Nachdem wir die Rechnung bezahlt hatten, wurden wir gefragt, wohin wir wollten und Heinzelmännchen im Hintergrund organisierten ungefragt ein Taxi. Als wir den Tempel verliessen, bekam jeder eine Aufmerksamkeit des Hauses mit den Worten „für Ihr Frühstück“ in die Hand gedrückt. Es handelte sich hierbei um eine selbstgemachte Marmelade. Wer in China lebt weiss, dass Marmelade in China keine Selbstverständlichkeit ist. Man bekommt sie praktisch nur in internationalen Supermärkten und bezahlt auch einen entsprechenden Preis dafür. Umso mehr haben wir diese kleine Aufmerksamkeit geschätzt.
Ich habe unterdessen einige sehr schöne und ausgefallene Restaurants in China (vor allem in Shanghai) kennengelernt, aber das TRB schlägt alles! Time Out Bejing sagt es richtig: TRB ist ein Kunstwerk!